Gedanken der Gewinnerin

Ich erblickte 1972 in Wien das Licht der Welt. Das Schreiben war (neben dem Sammeln und Lesen von Büchern) schon immer meine große Leidenschaft, ein innerer Zwang, der mir - meist in Verbindung mit Musik - bewies, dass auch Menschen Flügel wachsen können. Doch wie so oft im Leben tritt man manchmal gerade seine größte Liebe mit den Füßen. Nach der Matura entschied ich mich für das Bankwesen, später wechselte ich zum Magistrat Wien. Nebenbei habe ich ein Akademiestudium an der Fernuni Hagen begonnen.

Nach einigen Jahren des Nichtschreibens begann die kleine Flamme der Leidenschaft wieder zu lodern und inspiriert durch Schriftsteller wie Paolo Coelho, Susanna Tamaro, Michael Ende, Marianne Fredriksson, Johannes Mario Simmel, Joseph von Eichendorff und Erich Fried begann ich, meine eigenen kleinen Welten zu erschaffen. Es entstanden unter anderem ein Jugendbuchmanuskript, der Anfang für einen Familienroman sowie für einen politischen Thriller, Kurzgeschichten, humorvolle sowie politische Kolumnen und Lyrik. An mir gezweifelt habe ich oft. Verzweifelt bin ich auch an der gängigen Meinung, dass man als Schriftsteller eine Stimme, einen bestimmten Schreibstil haben sollte. Denn ich vertrete die Ansicht, dass ein Autor ebenso Handwerker ist wie beispielsweise ein Tischler. Mal möchte man ein edles Kunstwerk erschaffen, mal eine einfache Geschichte, die Menschen zum Lachen, Weinen oder Nachdenken bringt. Ich will die vielen unterschiedlichen Stimmen, die in mir leben, zum Klingen bringen. Da ich auch Musik über alles liebe und schon als Kind mit den wundervollen Texten von Reinhard Mey aufgewachsen bin, schlummerte auch der Wunsch in mir, selbst mal Songtexte zu verfassen.

So betrachte ich es als schicksalhafte Fügung, dass ich während meiner kurzen Autofahrt ins Büro just am 15. November auf Ö3 vom "Finger weg!" Songtext-Wettbewerb hörte. Das Thema Kindesmissbrauch hatte es mich sofort berührt, doch den Ausschlag gab die von shiver komponierte Melodie, die mir sofort unter die Haut ging. Mir ist bewusst, dass das Folgende furchtbar kitschig klingt, aber ich verbrachte die folgenden drei Abende und Nächte damit, mir hunderte Male diese wunderbare Melodie anzuhören. Ich recherchierte zum Thema Kindesmissbrauch und war fassungslos darüber, dass jährlich mehr als 10.000 Kinder sexuell missbraucht werden, fassungslos, wie viel Leid tagtäglich so viele von ihnen erfahren müssen. Leid, das sie auch in ihrem späteren Erwachsenenleben nur schwer verarbeiten können. Und schon in der zweiten Nacht begann der Text Gestalt anzunehmen, begann das Lied in mir zu klingen. Selbst wenn ich den Wettbewerb nicht gewonnen hätte (und davon war ich ausgegangen, denn ich hatte schließlich noch nie einen Songtext geschrieben), hätte mir niemand mehr diese einzigartige Erfahrung nehmen können.

Als ich am 22. November von Conny Hochstaffl von der Agentur currycom den Anruf erhielt, dass ich den Wettbewerb gewonnen hatte, konnte ich es nicht fassen. Meine einzige bisherige Veröffentlichung war im Jahr 2001 ein "Kommentar der anderen" im Standard gewesen. Doch dieser Wettbewerb, das war etwas viel Größeres! Und das Wichtigste war, dass Text und Melodie zu einer Symbiose verschmelzen würden und so vielleicht den einen oder anderen aufhorchen lassen, sensibilisieren und das Thema Kindesmissbrauch ein wenig enttabuisieren könnten. Betroffene und Angehörige sollten ermutigt werden, den ersten entscheidenden Schritt zu wagen. Einen Schritt an die Öffentlichkeit, raus aus der Dunkelheit, dem Schmerz und der Scham. Ich hatte diese Vision, dass ein Kind nach dem anderen aufsteht, sie einander an der Hand nehmen und gemeinsam ihren Schmerz laut in die Welt hinausschreien würden. Ich hatte die Vision, dass Erwachsene ihren Kindern zuhören, ihnen ins Gesicht schauen sollten (denn Augen lügen nicht) und dann gemeinsam mit ihnen mutig den ersten Schritt in eine neue, bessere Zukunft wagen würden. Und diese Vision wurde wiederum von dieser wundervollen Melodie getragen, die eigentlich gar keiner Worte mehr bedurft hätte.

Den nächsten glücklichen Moment erlebte ich schließlich, als ich gemeinsam mit meinem Freund Jürgen das Wiener Tonstudio von Gottfried Schuster besuchen durfte und uns Andi Gasser von shiver den beinahe fertigen Song schon mal vorab anhören ließ. Meinen Text angepasst an die Melodie, von Andis unnachahmlicher Stimme gesungen, nun tatsächlich zu hören, war ein wirklich ergreifender Moment für mich. Wie es sich anfühlt, diesen Song im Radio zu hören, kann ich im Moment nur erahnen.